Waffen-SS-Division „Galizien“

Freiwillige aus der Ukraine kämpfen für einen unabhängigen Staat

In der Ukraine empfanden nicht wenige Menschen den Einmarsch deutscher Truppen im Sommer 1941 als reine Befreiung vom stalinistischen Terror. Viele hegten die Hoffnung, ihre staatliche Unabhängigkeit mit deutscher Hilfe zu erlangen.

Jedoch war es den vor Ort befindlichen Wehrmacht­befehlshabern verboten, die weit verbreitete Kollaborations­bereitschaft für deutsche Zwecke zu nutzen. Die Größe des zu beherrschenden Raumes und die Notwendigkeit, sich die speziellen Kenntnisse der Einheimischen zunutze zu machen, führten auf Einheits­ebene jedoch zur Einstellung sogenannter Hilfswilliger („Hiwis“) in die Verbände und zur Aufstellung von Sonderverbänden aus Überläufern und Kriegsgefangenen, die sich mit der Sicherung des Hinterlandes zu befassen hatten.

Die Wehrmacht stand einer vorsichtigen Autonomie freundlich gegenüber und mischte sich nicht unmittelbar ein. Zwar wurde die Bildung einer mit Deutschland verbündeten ukrainischen Armee von Hitler verboten, trotzdem fanden umfassende Rekrutierungen von Ukrainern für verschiedene militärische und paramilitärische Formationen statt. Ukrainer dienten in Sicherungstruppen, Polizeiverbänden, als Hilfswillige in der Wehrmacht und als SS-Schutzmannschaften.

Die Maßnahmen der Besatzungsmacht, wie Arbeitspflicht, Verweigerung der Bodenreform und Ostarbeiter-Rekrutierungen führten zu einer Flucht großer Bevölkerungsteile zu den Partisanen. Neben kommunistischen Partisanengruppen entstanden vom September 1941 an erste bewaffnete Verbände der ukrainischen Nationalisten, die ebenso wie die Deutschen rote Partisanen und die polnische Heimatarmee bekämpften.

Im Oktober 1942 wurden in Polesien die ersten Einheiten einer regulären Untergrundarmee aufgestellt, die die Basis für die Ukrainische Aufständischen-Armee (UPA) bildete.

Unter dem Eindruck der deutschen Niederlage in Stalingrad genehmigte Hitler 1943 das Heranziehen auch von Völkern der Sowjetunion zum Kampf gegen die Rote Armee. Das Verwenden von Slawen in Kampfverbänden konnte nun in noch größerem Umfang erfolgen. Heinrich Himmler, in dessen Waffen-SS bereits zahlreiche ausländische Freiwil­lige in eigenen Verbänden kämpften, gab am 28. März 1943 den Aufstellungsbefehl zur Bildung einer Division aus westukra­inischen Freiwilligen.

Am 28. April 1943 wurde die Gründung feierlich bekanntgegeben. Es wurde darauf hingewiesen, daß Freiwillige Vorrang hatten, deren Väter bereits in der österreichisch-ungarischen Armee gedient hatten.

Laut Befehl Hitlers vom 30. Juli 1943 sollten ausschließlich galizische (westukrainische) Freiwillige katholischen Glaubens aufgenommen werden, keinesfalls jedoch Ost­ukrainer griechisch-orthodoxen Glaubens.*

Die Division hieß 14. Waffengrenadierdivision der SS (galizische Nr. 1). Als Symbol dienten der galizische Löwe in gelber Farbe auf hellblauem Schild und drei Kronen als Kokarde. Erster Kommandeur wurde der SS-Brigadeführer Fritz Freitag.

Die Resonanz auf die Ankündigung einer westukrainischen Division überraschte die deutschen Dienststellen. Innerhalb weniger Wochen meldeten sich 80.000 Ukrainer bei den Sammelstellen, von denen nicht einmal ein Viertel angenommen werden konnte. Die überzähligen Freiwilligen bildeten die zur Polizei gehörenden galizischen SS-Freiwilligen-Regimenter 4, 5, 6, 7 und 8.

Aufgrund kaum vorhandenen deutschen Rahmenper­sonals konnten die Ukrainer vorerst nur provisorisch aus­gebildet werden, fehlende Ausrüstung führte zu weiteren Engpässen.

Noch während der Ausbildungsphase hatte die Division im Februar 1944 eine Kampfgruppe zum Einsatz gegen Partisanen abzustellen. In der Zwischenzeit mußte die Division vom Ausbildungslager Debica bei Krakau nach Neuhammer in Schlesien verlegt werden, weil an den Wochenenden ukrainische Zivilisten das Lager überschwemmten, um ihre Angehörigen zu besuchen.**

Nach der Ist-Stärkemeldung vom 31. Dezember 1943 setzte sich die Division zusammen aus: 256 Führern (2%), 449 Unterführern (3,5%) und 11.929 Mannschaften (94,5%). Das machte eine Gesamtstärke von 12.634 Mann (100%).

Nach abschließenden Gefechtsübungen inspizierte Himmler am 16. Mai 1944 die Truppe und kündigte den baldigen Einsatz im Raum Tarnopol an. Ab Juni 1944 stand die Division im Fronteinsatz.

Im Vergleich zu einer Grenadierdivision des Jahres 1944 fehlten etwa 1% Führer und 14% Unterführer, während es rund 15% Mannschaften zu viel gab.* An Freiwilligen mangelte es demnach nicht, sondern an erfahrenem deutschen Ausbildungs- und Führungspersonal. Ende Juni 1944 betrug die Ist-Stärke der Division dann: 346 Führer (2,3%), 1.131 Unterführer (7,4%) und 13.822 Mannschaften (90,3%), was einer Gesamtstärke von 15.299 (100%) entsprach.

Ende Juni 1944 verlegte die Division in den Raum von Brody, 100 Kilometer nordöstlich von Lemberg, und wurde dem dortigen XIII. Armeekorps der Heeres­gruppe „Nordukraine“ unterstellt.

Am 13. Juli 1944 griff die sowjetische 1. Ukrainische Front mit massivster Panzerunterstützung an, sie durchbrach die deutschen Linien und kesselte das XIII. Armeekorps ein. Bei dem befohlenen Ausbruch aus der Umklammerung, unter Zurücklassung aller schweren Waffen und Fahrzeuge, verlor die Division „Galizien“ von 11.000 eingesetzten Soldaten un­gefähr 8.000. Die Masse war gefallen oder in sowje­tische Gefangenschaft geraten. Viele hatten sich von der Truppe abgesetzt, waren in die Wälder gegangen und hatten sich der UPA angeschlossen.

Im Sommer und Herbst 1944 hatten viele deutsche Einheiten durch die Wucht der sowjetischen Offen­siven die Verbindung zu ihren Einheiten verloren und versuchten, in kleinen Gruppen die deutschen Linien wieder zu erreichen.

Otto Skorzeny* berichtet von Gruppen deutscher Sol­daten, die beim Rückzug abgeschnitten wurden und sich der UPA angeschlossen hatten. Unter den Überlebenden befanden sich auch Freiwillige der SS-Division „Galizien“. Skorzeny stellte dann eine Einheit auf, die die Partisanen finden und mit ihnen verhandeln sollte, damit die UPA versprengten deutschen Soldaten beim Durchschleusen durch sowjetisches Gebiet zur Front­linie Hilfe leiste. Als Gegenleistung wurden der UPA Arzneimittel, Waffen und Munition angeboten, und von provisorischen Flugpisten könnten Schwerverwundete ausgeflogen werden. Die Operation „Brauner Bär“ lief an, und ein Kommando aus 30 freiwilligen Soldaten wurde hinter der Front abgesetzt und nahm Kontakt mit den Kämpfern auf. Es berichtete, daß „zahlreiche Offiziere der Division ‚Galizien‘“, ja sogar ein Wiener Freund Skorzenys, „ein Bataillonschef der Division ‚Galizien‘“** zu den Kämpfern gehörten. Die UPA weigerte sich jedoch, die deutschen Sol­daten freizugeben, denn sie brauchte sie. Deutsche Offiziere und Unteroffiziere bildeten die UPA-Kämpfer aus. In dieser Zeit beherrschten sie ein Wald- und Gebirgsgebiet von etwa 1.000 Quadratkilometern. Das Kommando „Brauner Bär“ kehrte Mitte März 1945 mit nur fünf Mann Verlusten zurück.

Nach dem ersten Fronteinsatz wurden die Reste der Division gesammelt und in Neuhammer neu aufgestellt. Wiederum machte es keine Schwierigkeiten, die Menschenverluste auszugleichen. Am 20. September 1944 hatte die Division einen Ist-Bestand von 12.901 Soldaten.

Von Oktober 1944 bis Februar 1945 stand die Division in der Slowakei im Einsatz, um einen von slowakischen Par­tisanen initiierten Aufstand niederzuschlagen, der den Rückzug deutscher Truppen gefährdete. Da die Division materiell bei weitem noch nicht wieder voll ausgerüstet war, wurde sie zur Sicherung des Hinterlandes eingesetzt.

Am 15. Januar 1945 verfügte das SS-Führungshauptamt, daß die Bezeichnung der 14. Waffen-Grenadier-Division der SS (galizische Nr. 1) in (ukrainische Nr. 1) umzuändern sei.

Im November 1944 war der ehemalige Oberstleutnant der polnischen Armee Pavlo Sandruk (1889–1979) an die Spitze des Ukrainischen Nationalkomitees getreten und übernahm den Oberbefehl über eine Ukrai­nische Nationalarmee, gleichzeitig befehligte er ab April 1945 die Division ­„Galizien“, die nun den neuen Namen ­„1. Division der Ukrainischen Na­tio­nal­armee“ erhielt.

Ende April ließ Sandruk die Division mit dem deutschen Rahmenpersonal auf die ukrainische Nation vereidigen. Es gelang Sandruk noch, die Engländer davon zu überzeugen, seine Truppen als Polen aus Galizien anzusehen, die niemals sowjetische Staatsbürger waren. Im Unterschied zu den Kosaken und anderen ostvölkischen Verbänden der Wehrmacht und Waffen-SS wurden die Ukrainer nicht an die Sowjets aus­geliefert, sondern als Polen im italienischen Rimini interniert.

Die Kapitulation der Wehrmacht hatte kaum Auswirkungen auf den Kampfgeist der UPA, die weiter im Untergrund kämpfte. Die Sowjetarmee mußte viele Divisionen zur Liquidierung der UPA abstellen, die bis Anfang der 50er Jahre auf dem Gebiet der UdSSR, Polens und der CSSR aktiv blieb. Nach 1945 waren es dann die USA, die anstelle des Deutschen Reiches den Untergrundkampf der UPA gegen die Sowjetunion unterstützten.

Olaf Haselhorst

1 Kommentar zu „Waffen-SS-Division „Galizien““

  1. Zimmer Roland sagt:

    Sehr geehrter Herr Haslhorst,

    vielen Dank für Ihren interessanten Beitrag.
    Nach eigene Nachforscungen über das Ende der Division möcht ich aber noch folgendes bemerken.
    Die Division hatte auf dem Rückzug eine Gesamtstärke von 22.000 Mann und nur ca. 8.000 von ihnen kamen in britische Lager nach Rimini. Wolf-Dietrich Heike schrieb, dass sich ausschließlich die Angehörige des Trosses südlich des Tauernpasses in britische Gefangenschaft begaben. Sie lagerten zunächst bei Tamsweg und über Spittal kamen sie nach Rimini.
    Die Masse der Division überquerten den Tauernpass nach Norden und begaben sich bei Radstadt in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Der Tross konnte der Division nicht über den Pass folgen da die SS auf den Befehl der Amerikaner den Pass für weitere fremdländische Einheiten sperrten.
    Die Geschichtsschreibung kennt aber nur das Schicksal der 8.000 Riminiinternierten und es wird sogar behauptet es handelte sich um die ganze galizische Division.

    Mit freundlichen Grüßen
    Roland Zimmer

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