Im märkischen Sand

Ausbildung von Führerbewerbern an der SS-Artillerieschule I ab Sommer 1944

Mit Wirkung vom 1. Dezember 1941 befahl das SS-Führungshauptamt für die Artillerieregimenter – die Gesamtstärke aller Regimenter zusammengenommen betrug immerhin über 12.000 Mann – der bis dato bestehenden ersten sechs SS-Divisionen eine SS-Artillerie-Meß-Schule in Glau bei Trebbin aufzustellen. Erster Schulkommandeur war SS-Oberführer Dr. Otto Schwab. Hier im Landkreis Teltow-Fläming, zirka 35 Kilometer südlich von Berlin, sollten in erster Linie Führer und Unterführer im artilleristischen Vermessungswesen für den Einsatz in so­genannten Artillerievermessungstrupps (AVT), in der Kartographie (hier folgte die Verwendung später oft auch in den Divisionskartenstellen) sowie in Licht- und Schallmeßtechnik ausgebildet werden. Hierzu bestanden auch zwei Artilleriebatterien mit leichten Feldhaubitzen 10,5 cm. Im Gegensatz zu den Licht- und Schallmeßtrupps, die gegnerische Artillerie-Stellungen orten sollten, koppelten die Artillerievermessungstrupps die eigenen Feuerstellungen, vermaßen Wechsel- sowie Beobachtungsstellungen und errechneten Grundrichtungs- und Richtungspunkte.

Im Oktober 1944 wurden rund 150 Führerbewerber (Offiziersbewerber) zur SS-Artillerieschule I eingezogen. Nach einer neunmonatigen Dienstzeit, von der mindestens drei Monate bei einer Feldeinheit abgehalten werden mußten, konnte der Führerbewerber auf einen SS-Junkerlehrgang kommandiert werden. Nach dem Bestehen der Aufnahmeprüfung an der SS-Junkerschule wurden die Führerbewerber zu SS-Junkern (SS-Unterscharführern) ernannt. Nach dem erfolgreichen Bestehen einer Zwischenprüfung nach ungefähr drei Monaten folgte die Beförderung zum ­SS-Standartenjunker (SS-Oberscharführer) und nach gut weiteren drei Monaten mit Abschluß des Lehrganges die zum SS-Standarten-Oberjunker (SS-Hauptscharführer). Die Ernennung zum SS-Untersturmführer erfolgte nach der Bewährung bei einem Fronttruppenteil.

Der damalige Führerbewerber Hans Hentschel erinnert sich an die Einberufung: „Nachdem am 30. Juli 1944 die Einberufung zur SS-Artillerie-Schule Glau eingetroffen war, fuhr ich am 15. August 1944 in aller Frühe aus Wittenberge um die Mittagszeit in den Ort Trebbin. Hier trafen mit dem gleichen Zug Jungen aus Remscheid, Köln, Stuttgart, Quedlinburg und Berlin selbst, aus Hessen, Württemberg, Thüringen und Niedersachsen ein. Alle waren Freiwillige und Führerbewerber. In der Kaserne in Glau angekommen, wurden wir nach Aufnahme unserer Per­sonalien und Abgabe des Wehrpasses einem sogenannten Lehrstab zugeteilt. Zuerst erfolgte die Zuweisung auf die einzelnen Stuben, dann mußten wir zum Kleiderempfang antreten.“

Die Führerbewerber erhielten eine zunächst sechswöchige infanteristische Grundausbildung. Der Tagesablauf sah meist so aus: Um 5 Uhr morgens Wecken mit folgendem Frühsport und um 6 Uhr Frühstück. Bereits um 6.30 Uhr begann der Dienst mit dem Antreten und der Befehlsausgabe für den Tag. Es folgten über den Tag verteilt der Waffen­unterricht und die Schießlehre sowie Formalausbildung mit Grüßen, Marschieren, Formen des Angriffs und der Abwehr sowie Singen. Zwischen 12.30 und 14 Uhr war Mittagspause, und ab 18 Uhr wurden die Waffen gereinigt. Das Abendessen wurde ab 19.30 Uhr eingenommen und danach die Stuben gesäubert. Um 22 Uhr war mit dem Zapfenstreich Bettruhe angesagt. Am 27. August 1944 – knapp zwei Wochen nach der Einberufung – wurden die Rekruten vereidigt. Hans Hentschel erinnert sich an die Grundausbildung: „Der märkische Sand konnte zum Fluch werden, wenn wir schwer bepackt, helmtragend den Befehl erhielten: Gasmasken aufsetzen – Sprung auf – Marsch – Marsch – hinlegen etc. Im Schutz großer und kleiner Hügel mit Maschinengewehr und Patronenkästen, kriechend vorarbeiten. Das ließ den Schweiß laufen. Danach zogen wir mit einem Lied auf den Lippen zurück zur Kaserne. Erholsam dagegen waren die Tage auf dem Schießstand. Es ging natürlich darum, wer von uns der Beste war. Mehr Schießwettkampf als Erkenntnis vom Ernst des Tuns, der dahinter stand. Kribbelig wurde ich stets, wenn es um den Gebrauch von Handgranaten ging. Mir waren sie unheimlich. Schlechtwettertage waren reine Unterrichtstage. Keine politische Schulung, sondern die Theorie der Waffen (In wieviele Teile zerfällt ein Gewehr?). Aber es wurde hier auch noch einmal der Umgang mit der Karte (Meßtischblatt 1:25.000) geübt. Das Bestimmen der Himmelsrichtung mit Hilfe der Uhr und Uhrzeit. Und wenn der Dienstplan eine Lücke aufwies, so war das Gewehrreinigen mit anschließendem Appell schnell befohlen.“

Am 1. Oktober 1944 endete die infanteristische Grundaus­bildung, und die Ausbildung an den leichten 10,5 cm-Feld­haubitzen in den beiden Lehr-Batterien begann. Es handelte sich hier jedoch um reine Trockenübungen; zum scharfen Schuß kamen die Rekruten nicht. Vielmehr wurden die SS Kanoniere etwa 14 Tage später auf ihre Spezialaufgaben Schall- und Lichtmessung sowie Funken vorbereitet. Hans Hentschel beschreibt seine Zeit bei der artilleristischen Ausbildung: „Bei der Ausbildung an der leichten Feldhaubitze kamen mir meine im Katasteramt Wittenberge erworbenen Vermessungskenntnisse zu Gute. Der Richtkreis war zwar ein anderes Gerät als ein Theodolit, aber ich tat mich als Richtkanonier doch leichter. Hier wurden die Winkel nicht in Grad, sondern in Strich (360 Grad = 6.400 Strich) gemessen. Zum Übungsschießen kam es in den wenigen Wochen nicht. Obwohl wir also in eine Artillerieschule einberufen worden waren, Artilleristen wurden wir nicht. Es war mehr ein Ausflug durch die Geschütz- und Geschoßkunde. Unser neuer Zugführer wurde SS-Oberscharführer Decker: ,Ich werde Euch den Arsch hochbinden, daß ihr nicht mehr wißt, ob ihr Männlein oder Weiblein seid!‘ schrie er uns an. Nun war ja Oktober geworden und das Wetter kühler und nasser. Da hatte er seine Freude daran, ,Hinlegen‘ zu schreien, wenn wir auf eine Pfütze zumarschierten. Und eine halbe Stunde später befahl er Uniformenappell. In Erinnerung blieb mir folgender Vorfall in diesen Oktobertagen. Es war die Zeit der Kartoffelernte, und als Helfer waren sowjetische Kriegsgefangene tätig. Wir kamen in Marschkolonne singend von einer Feldübung. Plötzlich ließ Decker halten. Dann rannte er über den Acker auf einen Russen zu, der aus seiner gebückten Auflesehaltung aufgestanden war und zu uns herübergeschaut hatte. Decker schlug auf ihn ein und schrie: ,Du Schwein sollst schuften und nicht gaffen!‘ Da rannte SS-Hauptscharführer Busch sichtlich aufgebracht ebenfalls auf den Acker und zog sich Decker ganz nah heran. Er starrte ihm eiskalt in Gesicht und zischte ihm irgendetwas zu. Dann schubste er ihn verächtlich weg und ging langsam wieder zur Marschgruppe zurück. Decker stand zunächst wie ein begossener Pudel auf dem Acker und kam mit einem verbissenen Gesicht zu uns zurück. Dann schrie er: ,Stillgestanden! Im Gleichschritt marsch! Ein Lied!‘“

Auf der SS-Artillerieschule I wurde als besonderer Schwerpunkt die Spezialausbildung in der Schall- und Lichtmessung durchgeführt. Sinn dieser Messungen war die akustische und optische Ortung der Standorte feindlicher Batterien, um mit diesen Koordinaten die eigene Artillerie dorthin zu lenken. In jedem Artillerieregiment waren daher Schall- und Lichtmeßtrupps vorhanden. Die SS-Kanoniere, die auf der Artillerieschule I ausgebildet wurden, sollten daher in erster Linie den Ersatz für diese Trupps stellen. Hans Hentschel erinnert sich an interessante Begebenheiten bei der Ausbildung: „Eine Geländeübung als Schallmeßtrupp mit wirklichkeitsnahem Hintergrund brachte unsere Gruppe auf den Kummersdorfer Schießplatz nördlich von Luckenwalde. Es ging darum, die Lautstärke eines Abschußknalles eines Maschinengewehres zu messen, das mit einem neukonstruierten Schalldämpfer versehen worden war. Wir verlegten unsere Mikrophone in verschiedene Entfernungen vom Abschußplatz auf dem Waldboden und verbanden sie mit einem Aufnahme­gerät, einem Seismographen ähnlich, der die registrierten Schallwellen als Seismogramm aufzeichnete. Da es hier nicht um die Lage der Abschußposition ging, sondern um die Hörbarkeit, also die Stärke des Abschußknalles, wurde bei dieser Übung auf die Einmessung der Mikrophone ins Koordinatennetz verzichtet. Ich selbst hockte am Aufnahmegerät und war bei Bedarf der Verbindungsmann zu den Mikrophongruppen. Durch den Sprechfunkverkehr zwischen uns und der Abschußposition erfuhren wir, daß verschiedene Schalldämpfer ausprobiert wurden.“

Da die Übermittlung der Koordinaten von den Schall- und Lichtmeßtrupps zu den Artilleriebatterien auch mittels Funk vorgenommen wurde, folgte ab Mitte November 1944 die Funkausbildung der Rekruten. Hans Hentschel beschreibt auch diese: „Die Funkausbildung übernahm SS-Unterscharführer Tischer, der uns mit viel Geduld die Verschlüsselung erklärte. Später und weit intensiver brachte er uns das ,Di-da-di-did .-..‘ des Morsens bei. Während am Beginn des Unterrichts der Empfangsticker noch die Punkt- und Strichzeichen der Buchstaben aufzeichnete, die wir dann in echte Buchstaben ,übersetzten‘, brachte uns der Ausbilder bald zur praxisbezogenen Entgegennahme des Funkspruches, in dem wir das Gehörte gedanklich umsetzten und sofort als Buchstaben notierten: …—… = SOS. Der Erfolg jedes einzelnen lag an der Geschwindigkeit des Umsetzens beim Hinhören. Da es draußen immer unwirtlicher wurde – der Winter kündigte sich an –, brachte uns dieser Ausbildungsabschnitt wohl die schönste Zeit während des gesamten Aufenthalts in Glau.“

Nachdem bereits vor Weihnachten 1944 SS-Kanoniere, die am 15. August 1944 zur SS-Artillerieschule I eingerückt waren, von der Schule abkommandiert worden waren, folgte am 29. Januar 1945 der Befehl des SS-Führungshauptamtes, aus Angehörigen der Schule einen Regimentsstab für die neuaufzustellende 32. SS-Freiwilligen-Grenadierdivision „30. Januar“ zu bilden. Somit endete auch für den Rest die fast sechsmonatige Ausbildungszeit. Im letzten Kriegshalbjahr 1945 dagegen wurde den Frontverbänden Ersatz zu­geführt, der teilweise nicht einmal mehr 12 Wochen aus­gebildet werden konnte.

Als nächster Ausbildungsabschnitt sollte nun für Hans Hentschel eine dreimonatige Verwendungszeit in der Truppe folgen, bei der er aber kriegsbedingt bis zum Mai 1945 geblieben ist. Das nahende Kriegsende verhinderte den vorgesehenen Besuch der SS-Junkerschule. So wurde er nach der Grundausbildung in Glau in den Stab des SS-Freiwilligen-Artillerieregimentes 32 kommandiert und erlebte die Kämpfe südlich Frankfurt an der Oder und im Kessel von Halbe mit, aus dem er noch als einer der wenigen Soldaten mit ausbrechen und sich bis zur Elbe durchkämpfen konnte. Dort geriet er in US-amerikanische Gefangenschaft, aus der er 1946 heimkehrte.

Rolf Michaelis

Kommentieren