„Panzerknacker“ der ersten Stunde

SS-Unterscharführer Ewald Ehm

Am 5. Juni 1941 verlegte die SS-Division (mot.) „Reich“ für den bevorstehenden Rußland-Feldzug ins Generalgouvernement zum XXXXVI. Panzerkorps, das der Panzergruppe 2 unterstellt war. Zunächst östlich Lublin versammelt und als Korps­reserve verwendet, erhielt der Verband am 26. Juni 1941 – nur vier Tage nach dem Kriegs­beginn mit der UdSSR – den Auftrag, das Gelände zwischen den sowjetischen Rollbahnen 1 und 2 von zurückgeblie­benen und versprengten Feindteilen zu säubern. Auf diesen vollkommen überfüllten Straßen standen die motorisierten deutschen Kolonnen teilweise stundenlang ohne jedes Vorwärtskommen.
Am 28. Juni 1941 sollten die Einheiten aus dem inzwischen erreichten Raum Sluzk und Kopyl in Richtung Minsk vorstoßen. Am nächsten Tag kam es zur ersten Kampf­berührung der 19.021 Mann starken Division bei Losza. Am 1. Juli 1941 erreichten die Einheiten Tscherwen. Während das SS-Infanterie­regiment 11 mit dem Durchkämmen der Wälder beauftragt wurde, stießen die anderen Truppenteile über die Be­resina auf den ­Dnjepr vor.
Hier verlief die sogenannte Stalin-Linie, bei der es zu schweren und verlustreichen Kämpfen kam. Es gelang der Division am 11. Juli 1941, zwischen Schklow und Mogilew über den Fluß zu setzen und die Desna bei Jelnja rund 70 Kilometer südöstlich von Smolensk zu erreichen. Um Jelnja entwickelten sich in der Folge schwerste Kämpfe, bei denen die Rote Armee bei Luftüberlegenheit und großem Menschen- und Materialaufwand die deutschen Truppen stark bedrängte. Das Artillerie-Trommelfeuer erinnerte manchen alten Soldaten an die Materialschlachten des Ersten Weltkrieges im Westen. Der Kommandierende General des XXXXVI. Panzerkorps, General der Panzertruppe Heinrich-Gottfried von Vietinghoff, erließ einen Tagesbefehl, der stellvertretend für die Einsatzbereitschaft der SS-Division „Reich“ stand: „Nach einem der schweren Abwehrkämpfe an der Nordost-Front von Jelnja wurde die Gruppe Förster der 1. Kompanie des SS-Kradschützenbataillons, die den Auftrag hatte, die linke Flanke der Kompanie zu sichern, wie folgt aufgefunden:
Der Gruppenführer, SS-Unterscharführer Förster, mit der Hand an der Abreißschnur der letzten Handgranate, Kopfschuß.
Schütze 1, SS-Rottenführer Klaiber, das MG noch in die Schulter eingezogen und ein Schuß im Lauf, Kopfschuß.
Schütze 2, SS-Sturmmann Buschner, Schütze 3, ­SS-Schütze Schyma, tot in den Schützenlöchern.
Der Solomelder, SS-Sturmmann Oldeboerhuis, tot an seiner Maschine kniend mit der Hand am Lenker, gefallen in dem Augenblick, als er die letzte Meldung überbringen sollte.
Der Fahrer, SS-Sturmmann Schwenk, tot in seinem Schützenloch.
Vom Gegner sah man nur noch Tote, die auf Handgranatenwurfweite im Halbkreis um die Stellung der Gruppe lagen.
Ein Beispiel für den Begriff ‚Verteidigung‘! In Ehrfurcht stehen wir vor solchem Heldentum!
Ich habe beantragt, daß diese Namen im Ehrenblatt des deutschen Heeres veröffentlicht werden.“
Die Division entrichtete einen enormen Blutzoll. Allein vom 24. Juni bis zum 27. Juli 1941 waren:

Führer        sonstige Dienstgrade
gefallen:    23    577
verwundet:     76    1.672
vermißt:    1    62

Aufgrund von Nachschubschwierigkeiten, ­fehlender Munition für die eigene Artillerie und ausbleibender Luftwaffenunterstützung erlitten die Einheiten im Brückenkopf Jelnja durch feindliche Artillerie und zahlreiche schwere sowje­tische Panzer empfindliche Ausfälle. Bei der Abwehr dieser Panzer,  gegen die die deutschen Panzerjäger mit ihren 3,7 cm-Panzerabwehrkanonen wenig ausrichten konnten, zeich­neten sich erstmals im starken Maße Einzelkämpfer aus, die mit improvisierten Kampfmitteln die Feind­panzer ­bekämpften. Einer von ihnen war SS-Un­terscharführer Ewald Ehm, geboren am 30. Dezember 1919 in Flemming in Ostpreußen. Er war ausgebildeter Pionier und Angehöriger der 16. (Pionier-)Kompanie des SS-Regimentes (mot.) „Deutschland“.
Zusammen mit SS-Untersturmführer Weisenbach sprang er auf anrollende 28 Tonnen schwere sowjetische Panzer des Typs T-28, schoß mit der Pistole durch die Sehschlitze und übergoß die Fahrzeuge mit Benzin. Schließlich setzten beide Sprengladungen an. Sie konnten auf diese Weise acht feindliche Panzer ausschalten.
Ehm wurde für seine mehrfach bewiesene besondere Tapferkeit im Korps-Tagesbefehl des XXXXVI. Panzerkorps namentlich genannt und am gleichen Tag mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet. 1945 hätte er damit bereits fast die Bedingungen für den Erwerb des Ritterkreuzes erfüllt, doch im Jahre 1941 gab es dafür „nur“ das EK II.
Ab 8. August 1941 wurde die SS-Division „Reich“ durch die 15. Infanteriedivision abgelöst und übernahm nach ­kurzer Ruhe Stellungen zwischen Smolensk und Jelnja. Am Vortag war es SS-Unterscharführer Ehm als erstem der Division gelungen, einen schweren sowjetischen Panzer mit Nahkampfmitteln zu vernichten. Im späteren Verleihungsantrag für das Deutsche Kreuz in Gold ist dazu zu ­lesen: „SS-Unterscharführer Ehm ist in der 16. (Pionier) Kp./­SS-Pz. Gren. Rgt. ‚Deutschland‘ seit dem 6.2.1943 als Kompanie-Truppführer eingesetzt. Er vernichtete als erster der SS-Division ‚Reich‘ bei Jelnja am 7.8.1941 einen 58 to. Panzer.“
Ende August 1941 erhielt der SS-Verband etwa 1.700 Mann Ersatz zu­geführt und wurde in den etwa 380 Kilometer entfernt liegenden Raum Awdejewka zum XXIV. Panzerkorps in Marsch gesetzt. Am 6. September 1941 kam es beim Brückenkopf Makoschin über die Desna zu schweren Kämpfen und Gegenstößen der Roten Armee. Im Zuge der Zerschlagung des Kessels von Kiew stieß die SS-Divi­sion „Reich“ am ­16. September 1941 auf Priluki vor. Nach heftigen Gefechten eroberte sie die Stadt, mußte jedoch in das rund 80 Kilo­meter entfernte Romny ver­legen, um die dort stehenden Heeres­verbände bei der ­Abwehr schwerer Ent­lastungsangriffe der Roten Armee ­zu verstärken. Am ­23. September 1941 endeten die Kämpfe im ­Bereich des Kessels von Kiew.
Die Division ­wur­de aus dem Raum ­abgezogen und zum XXXX. Pan­zerkorps verlegt. Im Raum westlich Roslawl bezogen die Einheiten Ruhe­quartiere und wurden durch Ersatz verstärkt. Am 6. Oktober 1941 traten die Männer im Zuge der Kesselbildung bei Brjansk und Wjasma über  Juchnow auf Gschatsk erneut an. Wenige Tage später begann der Durchbruch durch die Moskauer Schutzstellung bei Jelnja. Die Männer standen wieder in jenem Abschnitt, in dem sie im Sommer so schwere Kämpfe und Ver­luste erlebt hatten. Im Vorstoß auf Moskau eroberte die SS-Division (mot.) „Reich“ am 18. Oktober 1941 Moschaisk.
Neben den Durchbruchskämpfen durchkämmten Teile der Division auch den besetzten Raum. Hierbei wurden nicht nur große Mengen an Kriegsgefangenen gemacht, sondern auch zahlreiches Kriegsmaterial sichergestellt. Ins­gesamt hatte die SS-Division (mot.) „Reich“ vom 24. Ju­ni bis 23. Oktober 1941 über 8.000 Mann an Gefal­lenen, Verwundeten und Vermißten zu verzeichnen.
Der 10. Panzerdivision folgend, stieß der Verband ab 26. Oktober 1941 über Rusa in Richtung Istra vor, das am 26. November 1941 nach heftigen Kämpfen genommen wurde. Sofort wurde der Angriff auf Moskau – ohne ausreichende Winter­bekleidung bei bis zu 45 Grad unter null – weiter voran­getrieben. Hierbei konnte am ­3. Dezember 1941 das nur 17 Kilo­meter westlich vor Moskau liegende Lenino eingenommen werden.
Zwei Tage später begann die Rote ­Armee mit einer Großoffensive, der die deutschen Verbände wenig ent­gegensetzen konnten. Unter Verlusten gelang es der SS-Division (mot.)„Reich“ zunächst, die Stellungen bei Lenino zu halten. Am ­10. Dezember 1941 folgte jedoch der Befehl, hinter die Istra bei Istra auszuweichen und dort Winterstellungen zu beziehen.
Hier übernahm drei Tage später das XXXXVI. Panzerkorps den Befehl über den Frontabschnitt vor Moskau. Obwohl die Stellungen entlang der Istra gute Verteidigungsmöglichkeiten boten, mußten sie aufgegeben werden, da es der Roten Armee gelungen war, das XXXXVI. Panzerkorps an den Flanken zu überflügeln. Um nicht eingeschlossen zu werden, wich auch die SS-Division (mot.) „Reich“ stetig nach Westen aus. Erst in der Rusa-Stellung – nordwestlich von Rusa – konnte wieder eine nachhaltige Hauptkampf­linie errichtet werden.
Obwohl SS-Unterscharführer Ehm laut des Korps-Tagesbefehls vom 25. Juli 1941 mehrere schwere sowjetische Panzer vernichtet hatte, wurde ihm nach Stiftung des Sonder­abzeichens für das Vernichten von Panzerkampfwagen durch Einzelkämpfer am 9. März 1942 zunächst nur ein Abzeichen am 1. Mai 1942 verliehen.
Da Ehm allerdings auf einem zeitgenössischen Porträtfoto nach der Verleihung des Deutschen Kreuzes in Gold mutmaßlich ein sogenanntes Panzervernichtungsabzeichen in Silber und eines in Gold trug – letzteres für fünf anerkannte vernichtete Feindpanzer (evtl. alle Ende Juli 1941) –, muß davon ausgegangen werden, daß nicht nur die Verleihungs­statuten von den entsprechenden Vorgesetzten ganz subjektiv ausgelegt wurden, sondern daß auch die Verleihungen in den Per­sonalpapieren nicht immer einwandfrei eingetragen wurden.
Auf jeden Fall war der spätere SS-Untersturmführer Ehm – gemessen an seinen Auszeichnungen – einer jener  hervorragenden Einzelkämpfer, wie sie jede Armee der Welt zur Erfüllung ihrer militärischen Aufträge braucht.

Rolf Michaelis

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